Werdegang der Rickettsien Infektionen
Multiple chronische Infektionen als Ursache systemischer Erkrankungen: Entstehung, Werdegang und intrazelluläre Therapie nach Institut Pasteur.
Multiple chronische Infektionen als Ursache systemischer Pathologien
Teresa Maria Taddonio M.A.
Wissenschaftsjournalistin & 1. Vorsitzende des VBCI e.V.
Die Anfänge der Forschung über Rickettsiosen
Begründet wurde die moderne Erforschung chronischer und subakuter Infektionen durch herausragende Wissenschaftler aus Frankreich, Polen, Belgien und Russland. Die Geschichte der Rickettsienforschung bildet das Fundament für das Verständnis moderner Multisystemerkrankungen.
Auf diesen Grundlagen baute Prof. Dr. Charles Nicolle vom Institut Pasteur seine Arbeiten auf, für die er 1928 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielt.
Die Forschungshypothese von Prof. Charles Nicolle & Prof. Jean-Baptiste Jadin
Nicolles fundamentale Erkenntnis war die Reaktivierung verborgener Infektionen: Viren, Bakterien und Parasiten begünstigen zusammen mit körperlichem Stress, Traumata und Umweltbelastungen die Reaktivierung im Verborgenen ruhender, intrazellulärer Infektionen, sodass diese nach langer Latenzzeit schlagartig wieder aktiv werden.
Die von Charles Nicolle aufgestellte Hypothese besagte, dass versteckte, latente Krankheiten im Wirt existieren, die durch ihr Zusammenleben das Immunsystem manipulieren oder vorübergehend ausschalten können. Als typisch für diese okkulten Krankheiten sah Nicolle ein symptomarmes Latenzstadium, in dem das pathogene Agens im Wirt anwesend, aber nicht akut destruktiv ist.
Prof. Dr. Jean-Baptiste Jadin stellte in bahnbrechenden Feldstudien fest, dass die Sterberate von Kindern in Zentralafrika, die unter Malaria und Coxiella burnetii litten, maßgeblich vom Zusammenwirken verschiedener Bakterienarten abhing. Jadin war als Tropenmediziner unter anderem für das Institut Pasteur tätig und entwickelte dort gemeinsam mit Prof. Paul Giroud den Mikrohämagglutinationstest (MAT) für Rickettsiosen.
Jadin zählte zu den führenden Kapazitäten der belgischen tropenmedizinischen Forschung. Auf der Grundlage seiner Arbeiten entwickelte seine Tochter Dr. Cécile Jadin eine eigenständige intrazelluläre Therapie gegen chronische Infektionen. Der daraus hervorgegangene Therapieansatz nach Dr. Cécile Jadin gilt heute als Meilenstein der sequentiellen Intervallbehandlung.
Eine genaue Untersuchung des klinischen Bildes und der Symptome des Patienten steht im Zentrum der Anamnese: „Die Antwort ist immer beim Patienten zu suchen.“ Die Testergebnisse sind unverzichtbare Wegweiser für die Therapiesteuerung und den Krankheitsverlauf.
Rickettsien und das Chronische Erschöpfungssyndrom (ME/CFS)
Die Beziehung zwischen dem Chronischen Erschöpfungssyndrom und Rickettsien-Infektionen:
Um chronische Rickettsien-Infektionen erfolgreich zu behandeln, muss man interdisziplinär vorgehen und verschiedene medizinische Fachgebiete integrieren – insbesondere Rheumatologie, Psychiatrie, Neurologie und Kardiologie.
Grundsätzlich leidet der Patient nicht an vielen voneinander unabhängigen Erkrankungen, sondern an einer gemeinsamen pathogenetischen Wurzel. Dr. Cécile Jadin bezeichnet diesen Ansatz als die Suche nach der Ätiologie: Dasselbe Bakterium kann je nach Gewebetropismus völlig unterschiedliche Krankheitsbilder hervorrufen, und umgekehrt können verschiedene Erreger ähnliche Symptomkomplexe triggern.
Deshalb sollte sich die therapeutische Strategie primär auf die ursächlichen Erreger konzentrieren, anstatt an starren Krankheitskatalogen und Symptom-Klassifizierungen festzuhalten.
Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass ME/CFS eine infektiöse Ätiologie besitzt und Rickettsien sowie deren Koinfektionen zu den primären Treibern gehören. Wie der Mensch müssen sich auch Mikroorganismen anpassen und fortpflanzen. Sie leben intrazellulär und wechselwirken miteinander. Entscheidend ist, in welches Gewebe sich die Bakterien einnisten. Jean-Baptiste Jadin zeigte, dass derselbe Erreger nach einem virulenten Zyklus in Latenz übergehen und in morphologisch veränderter Form erneut aufflammen kann.
Historische Beispiele verdeutlichen diesen Zusammenhang: Es wird vermutet, dass Florence Nightingale an der Erkrankung litt, die wir heute als ME/CFS bezeichnen. Während des Krimkrieges behandelte sie verletzte Soldaten, von denen viele mit Fleckfieber infiziert waren; Vektoren wie Läuse, Flöhe und Zecken waren allgegenwärtig. Für den Rest ihres Lebens litt sie an schwerer Erschöpfung.
Der Wissenschaftler Hans Zinsser, Autor des Klassikers „Rats, Lice and History“, belegte, dass Typhus und Rickettsiosen in den großen Kriegen der Menschheit eine entscheidende Rolle spielten. Während des Ersten Weltkrieges infizierten sich allein 25 Millionen Menschen in Osteuropa mit Fleckfieber.
Zudem weisen Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom und Patienten mit Q-Fieber-Endokarditis verblüffend ähnliche klinische Bilder auf. Aus diesem Grund schlug das renommierte Fachjournal The Lancet im April 1996 die Bezeichnung „Post-Q-Fever Fatigue Syndrome“ vor.
Die Übertragung und Gefäßpathologie der Rickettsiosen
Die Symptome von ME/CFS-Patienten, Fibromyalgie-Betroffenen sowie Patienten mit neurologischen Erkrankungen (wie Multipler Sklerose) zeigen eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Krankheitsbildern chronischer Rickettsiosen.
Wissenschaftler wie Paul Le Gac, Paul Giroud und Jean-Baptiste Jadin wiesen nach, dass die Ursache dieser vielgestaltigen Symptome im Befall der kleinsten Blutgefäße (Endothelitis und Vaskulitis) liegt. Sie bewiesen die langfristige Persistenz der Rickettsien im Gefäßsystem.
Die Argumente für diese Annahme stützen sich auf die klinische Praxis: Bei konsequenter intrazellulärer Therapie gegen Rickettsien-Infektionen liegt die Ansprechrate bei CFS-Patienten bei 84 % bis 96 %.
Überlebensfähigkeit von Rickettsien in der Umwelt:
- Bis zu 60 Tage in Rohmilch
- Bis zu 4 Monate im trockenen Sand
- Bis zu 6 Monate in tiefgekühltem Fleisch
- Bis zu 7–9 Monate in getrockneten Baumwollgeweben
Überträger sind Arthropoden (Zecken, Flöhe, Läuse, Milben). Geomedizinische Endemiegebiete wie Rickettsiosen im Mittelmeerraum (Italien) und das Mittelmeer-Fleckfieber in Spanien verdeutlichen die weite Verbreitung in Südeuropa.
In klinischen Kohorten wiesen über 3.400 von Dr. Jadin behandelte Patienten mit ME/CFS, Fibromyalgie und Depressionen serologische Nachweise chronischer Rickettsien-Infektionen auf. Viele von ihnen berichteten über eine initiale grippeähnliche Episode mit Fieber und Kopfschmerzen Jahre vor dem eigentlichen Ausbruch der chronischen Erschöpfung.
Serologische Differenzierung & Der Mikrohämagglutinationstest (MAT)
Der Mikrohämagglutinationstest nach Giroud und Jadin erfasst spezifische Antikörper gegen die fünf wichtigsten Rickettsien-Antigene:
- Rickettsia prowazekii (Epidemisches Fleckfieber)
- Rickettsia mooseri / typhi (Endemisches Flohfleckfieber)
- Rickettsia conorii (Mittelmeer-Zeckenfleckfieber / Fièvre boutonneuse)
- Coxiella burnetii (Q-Fieber)
- Chlamydia / Neo-Rickettsia
Prof. Giroud betonte, dass der Test auf einer präzisen Agglutinationsreaktion basiert, die hochqualitative Antigenkulturen erfordert. Fällt ein serologischer Test negativ aus, bedeutet dies keineswegs den Ausschluss einer Infektion: Wenn das Immunsystem durch eine massive Erregerüberlastung paralysiert ist oder zirkulierende Immunkomplexe vorliegen, sind keine freien Antikörper nachweisbar. In solchen Fällen sind serologische Verlaufskontrollen und zelluläre Testverfahren indiziert.
Das 3-Säulen-Diagnosesystem nach Dr. Jadin
Die fundierte Diagnose einer chronischen Rickettsien-Infektion basiert auf drei Säulen:
Säule 1: Spezifische Laboranalytik
- Mikrohämagglutinationstest (MAT): Quantitativer Antikörpernachweis gegen Rickettsien-Subtypen.
- Leberfunktionsparameter: Transaminasen und Cholestaseparameter spiegeln die Hepatotoxizität wider (bereits 1937 von Derrick beschrieben).
- Eisenstoffwechsel: Häufige Fehlabweichungen (Gabe von oralem Eisen ist bei aktiven intrazellulären Infektionen oft kontraindiziert, da Eisen das Bakterienwachstum forciert).
- Schilddrüsen- und Autoantikörper: Erhöhte TPO-AK, ANA, Rheumafaktoren und CRP bei über 50 % der Patienten als Ausdruck sekundärer Autoimmunität.
Säule 2: Das klinische Leitsymptomen-Spektrum
- Ausgeprägte chronische Erschöpfung, Cephalgien, Myalgien und Arthralgien.
- Schwindel, visuelle Störungen, Raynaud-Phänomen (kalte Hände und Füße, Akrozyanose).
- Konzentrations- und Wortfindungsstörungen, Dyssomnie, nächtliche Schweißausbrüche.
Säule 3: Der körperliche Untersuchungsbefund
- Chronisch geröteter Pharynx, zervikale und axilläre Lymphadenopathien.
- Funktionelle Kardiopathien (Tachykardie, Arrhythmien).
- Druckschmerzhafte Sehnenansätze und Muskelstränge.
Das therapeutische Behandlungskonzept
Die Langzeittherapie bei chronischen intrazellulären Infektionen folgt einem strukturierten Protokoll:
- Zyklische Hochdosis-Antibiose: 7 bis 12 Tage pro Monat membranpermeable Tetrazykline (z. B. Doxycyclin, Minocyclin) oder Makrolide, gefolgt von behandlungsfreien Regenerationsintervallen.
- Rotation der Wirkstoffklassen: Wechselnder Einsatz von Tetrazyklinen, Makroliden, Fluorchinolonen oder Rifamycinen, um Persisterformen zu erfassen und Resistenzbildungen zu verhindern.
- Langzeitige Ausrichtung: Eine Behandlungsdauer von 12 bis 36 Monaten ist bei tief chronifizierten Gewebsinfektionen oft erforderlich. Dies deckt sich mit den Klinische Erfahrungen von Dr. Philippe Bottero.
- Begleitende Maßnahmen:
- Toxinadsorption mittels Naturzeolith (Klinoptilolith) zur Kupierung von Herxheimer-Reaktionen.
- Hochdosierte B-Vitamine, Probiotika (Lactobacillus acidophilus) und mitochondriale Kofaktoren.
- Sanfte Bewegung und thermische Anwendungen zur Durchblutungsförderung der Kapillarendothelien.
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Ausgewählte historische Fachliteratur & Referenzen
- Acta Mediterranea di Patologia Infettiva e Tropicale: J.B. Jadin (1984, 1987), Ph. Bottero (1986).
- Bulletin de la Société de Pathologie Exotique: S. Nicolau (1963), P. Giroud (1952, 1969).
- Archives de l’Institut Pasteur de Tunis: P. Giroud & J.B. Jadin: Les Infections Superposées, Vol. 63, 1986.
- The Lancet: Chronic Fatigue and Post-Q-Fever Syndrome, Vol. 347, April 1996.
- Journal of Clinical Microbiology: La Scola B., Raoult D.: Laboratory Diagnosis of Rickettsiosis, Vol. 35, 1997.
- FEMS Immunology & Medical Microbiology: Nicolson G.L., De Meirleir K. et al.: Mycoplasmal and Rickettsial infections in CFS, 2002.
- Giroud P., Capponi M.: Le Diagnostic des Rickettsioses, Librairie Maloine, Paris 1963.
- Englebienne P., De Meirleir K.: Chronic Fatigue Syndrome: A Biological Approach, CRC Press 2002.
Autorin & Kontakt
Teresa M. Taddonio M.A. ist Wissenschaftsjournalistin, Fachbuchautorin und 1. Vorsitzende des Vereins zur Förderung des Wissens über Biologische Chronische Infektionen e.V. (VBCI e.V.).
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Medizinischer Hinweis: Dieser Fachbeitrag dient der Information und wissenschaftlichen Aufklärung über chronische Infektionen und Zoonosen. Er stellt keine individuelle Therapieempfehlung dar und ersetzt keine ärztliche Konsultation.